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Der Kopf entscheidet im Tennis

renate eichenbergerGutes Tennis zu spielen heißt, im Hier und Jetzt zu bleiben

Unser Mitglied Paola Carega sprach mit der Sportpsychologin Renate Eichenberger über Tennis im Kopf. 

Renate Eichenberger unterstützt Einzelsportler und Teams unterschiedlicher Sportarten, unter anderem Alba Berlin und den 1. FC Union. Vor Corona war sie auch schon für unsere SCC-Jugend und unsere Trainer tätig.

PC: Liebe Frau Eichenberger, was nutzt im Tennis mentales Training? Reicht es nicht, tolle Schläge zu haben und körperlich fit zu sein, um zu gewinnen?

Renate Eichenberger: Wenn es so einfach wäre! Der Kopf steuert jeden Schlag und ob ich den einsetzen kann, hängt wesentlich davon ab, ob ich „ready“ bin, also bereit im Sinne von mental fit. Es gibt so viele Trainingsweltmeister*innen, die im Match ihr bestes Tennis nicht abrufen können. Wenn zwei technisch ebenbürtige Spieler aufeinandertreffen, ist es meistens der Kopf, der über Sieg oder Niederlage entscheidet.

PC: Heißt das, dass alle von mentalem Coaching profitieren, unabhängig von der Spielstärke?

Auf jeden Fall. Leider wird Sportpsychologie nach wie vor gerne belächelt. Der Mythos, wer psychisch gesund ist, braucht keine psychologische Unterstützung, hält sich hartnäckig – sogar im Spitzensport. Dabei hat Sportpsychologie auch viel mit Prävention zu tun. Es geht darum, sich um seine mentale Gesundheit zu kümmern – so wie man seine Schnelligkeit oder Ausdauer trainiert. Mentales Coaching ist nichts extra, sondern Teil eines ganzheitlichen Trainings, das Geist und Körper umfasst. Letztlich geht es immer darum, die Persönlichkeit weiterzuentwickeln und darüber sportlich erfolgreicher zu werden.

PC: Warum reicht es nicht, wenn ich bei einem mentalen Problem ein, zwei Einzelcoachings buche?

Tatsächlich werde ich häufig gerufen, wenn es kurzfristig ein Problem zu lösen gilt. Sozusagen als Feuerwehr (lacht). Zum Beispiel, der Spieler bekommt jedes Mal, wenn er 30:40 zurückliegt, einen schweren Arm. Natürlich kenne ich als Psychologin hier Tools, die helfen können. Aber oftmals ist die Ursache des Problems damit nicht behoben – und deshalb macht es Sinn, mentales Coaching als längerfristige Begleitung zu betrachten, so wie es ja auch schon der eine oder die andere im Profitennis macht.

PC: Wie sieht es bei ambitionierten Kinder und Jugendlichen aus?

Gerade bei jüngeren Kindern kann mentales Coaching eine sehr spielerische Komponente haben. Das muss dann auch nicht als Sportpsychologie bezeichnet werden – das ist einfach Training für den Kopf, als Bestandteil im normalen Training. Bei Jugendlichen wiederum dreht sich ein Coaching häufig um mehr als den Sport. Wenn ich Teenager betreue, sprechen wir zu 90 Prozent nicht über Tennis, sondern über Schule, die familiäre Situation, den Freundeskreis. Denn was im Leben gerade los ist, hat einen enormen Einfluss auf dem Platz.

PC: Warum ist Tennis im Vergleich zu anderen Sportarten mental so anspruchsvoll?

Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen die Zählweise: Je nach Spielstand bedeutet ein Punkt noch gar nichts – selbst wenn’s der schönste Winner war – oder eben sehr viel. Das Spiel ist bis zum letzten Punkt kippelig. Im Unterschied zu anderen Einzelsportarten wie Schwimmen oder Leichtathletik, wo alle neben- oder hintereinander starten, stehen sich im Tennis die Gegner gegenüber. Sie beobachten sich, nehmen die Körpersprache wahr, hören Anfeuerungsrufe oder auch mal einen Fluch. Sie interagieren also miteinander, bewusst und unbewusst. Trotz dieses Duellcharakters bei sich zu bleiben und seinen Stiefel zu spielen, kann eine große Herausforderung sein. Ein weiterer Grund sind die vielen Pausen zwischen den Spielen, aber auch nach jedem einzelnen Punkt. Diese Pausen mental gut zu nutzen und sich immer wieder neu fokussieren zu können, ist ebenfalls nicht einfach.

PC: Wie geht man am besten mit diesen Herausforderungen um?

Das ist je nach Mensch sehr unterschiedlich. Am Anfang steht deshalb die Selbstreflexion. Welcher Spielertyp bin ich? Was zeichnet mich aus? Was brauche ich, um konzentriert ein Zweistunden-Match spielen zu können? Mit diesem Wissen kann ich dann die für mich passenden Werkzeuge einsetzen, um meine Leistung abzurufen.

PC: Welchen mentalen No-Gos beobachtest du häufig auf dem Platz?

Wenn ein Spieler negativ mit sich selbst spricht, finde ich das bedenklich. Auch sich häufig lautstark ärgern oder gar den Schläger zertrümmern, bringt in den meisten Fällen nichts. Natürlich braucht es Emotionen, aber die richtigen. Während positive Selbstgespräche pushen und die Konzentration fördern, verhindern negative Gedanken und Selbstzweifel eine gute Leistung.

PC: Und wie soll man mit dem Ärger umgehen, wenn der Aufschlag im Match einfach nicht kommen will?

Es hört sich einfacher an als es ist. Gutes Tennis zu spielen heißt, im Hier und Jetzt zu bleiben. Seine Routinen abrufen, atmen und sich auf den nächsten Punkt fokussieren. Das ist sozusagen die Feuerwehr-Lösung, um nicht in eine negative Abwärtsspirale zu rutschen. Wenn ich grundsätzlich an meinen Emotionen arbeiten möchte, muss ich wissen, warum und in welchen Situationen ich mit Ärger oder Selbstzweifel reagiere. Dieses Bewusstsein hilft mir, künftig mit Frust anders umzugehen und gar nicht erst negative Emotionen zu entwickeln. Und natürlich helfen auch Vorbilder – gerade bei Kindern und Jugendlichen sind Vorbilder wichtig. Leider kann man auch im Profitennis die Vorbilder für einen guten Umgang mit Emotionen an einer Hand abzählen.

PC: Hast du noch einen Tipp für alle, die mit Psychologie wenig am Hut haben?

(lacht) Grundsätzlich ist es wichtig, sich Ziele zu setzen. Und zwar keine Ziele, die sich am Ergebnis orientieren, sondern handlungsorientierte Ziele. Ich kann mir zum Beispiel vornehmen, mich bei Nervosität aufs Atmen zu konzentrieren, bei engen Spielständen mutig zu bleiben oder mich nach einem Doppelfehler weiter zu motivieren. Ob ich am Ende siege oder verliere, hat mit diesen Zielen nichts zu tun. Auch nach einer Niederlage kann ich also feststellen, dass ich vieles richtig gemacht habe. Das motiviert und macht heiß aufs nächste Match.

Interview: Paola Carega

Kleine Box:

Renate Eichenberger unterstützt Einzelsportler*innen und Teams ganz unterschiedlicher Sportarten, unter anderem Alba Berlin und den 1. FC Union. Auch mit Tennisspieler*innen arbeitet sie aktuell; regelmäßig coacht sie zudem Jugendliche des SCC. Die gebürtige Schweizerin hat einen Bachelorabschluss in angewandter Psychologie, ein Masterstudium im Bereich Management durchlaufen und einen Master in Sportpsychologie. Sie ist Autorin des Buchs „Blind Date Sportpsychologie“, das die Arbeitsweise von Sportpsychologen praxisnah mit Beispielen darstellt und konkrete Interventionsmaßnahmen erläutert. https://renateeichenberger.ch/

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